Wulff: Wir werden mit ihm leben müssen!

Christian Wulff hat Stellung bezogen. Sonderlich überraschend waren seine Ausführungen des gestrigen Abends nicht. Ein Rücktritt schloss sich so oder so von vorneherein aus. Denn diesen hätte er wohl kaum in einem Fernsehinterview zur besten Sendezeit verkündet. Was am Ende übrig blieb, war eine Mischung aus mitleidserregenden Äußerungen und Schutzbehauptungen. Einzig dass es ihm leid tut, glaube ich ihm aufs Wort. Aber nur insofern, dass er es bedauert, dass die Geschichten rund um den Privatkredit und seine versuchte Einflussnahme auf die Presse den Weg an die Öffentlichkeit gefunden haben.

Wulff ist kein Opfer!

Der Gipfel der Unerträglichkeit ist jedoch die durch ihn für sich selbst reklamierte Opferrolle. Geht es vielleicht auch eine Nummer kleiner? Natürlich gelten Menschenrechte auch für Staatsoberhäupter. Selbstverständlich darf auch ein Ministerpräsident Freunde haben. Aber komischerweise sind viele Freunde von Spitzenpolitikern zugleich wohlhabende und einflussreiche Geschäftsleute oder anderweitig der „upper class“ zuzurechnen. Doch das wollen wir an dieser Stelle nicht diskutieren. Dass Wulff Herrn Geerkens bereits aus Kinder- und Jugendtagen kennt, kann sicherlich mildernd zur Kenntnis genommen werden. Er – und zwar genau er selbst – muss es aber trotzdem gewusst haben, dass das Kreditgeschäft zumindest nicht ganz koscher ist. So viel Intellekt ist Wulff allemal zuzutrauen. Gut, dass hat er auch indirekt zu verstehen gegeben. Doch am Ende ist dies gar nicht mehr der ausschlaggebende Punkt. Es sind vor allem die diesem Darlehen nachfolgenden Ereignisse, gipfelnd in dem Versuch, die Springer-Presse zu beeinflussen, weswegen er mit dem Rücken zur Wand steht. Und das ist einzig und alleine seine eigene Schuld. Denn er war es, der das Darlehen wohlwollend angenommen hat. Er war es auch, der das BW-Bank-Finanzierungskonstrukt erst nach Bekanntwerden aller Umstände in einen üblichen Hypothekenkredit umgewandelt hat. Und er ist auch alleine dafür verantwortlich, wenn er zum Hörer greift, um an höchster Stelle eine negative Berichterstattung über sich zu verhindern. Eines ist Wulff deshalb mit Sicherheit nicht: Das Opfer einer Hetzjagd!

Über Vertraulichkeit…

Der Bitte der BILD-Zeitung, seine Sätze auf Diekmanns Mailbox der Öffentlichkeit preisgeben zu dürfen, wird er übrigens nicht nachkommen. Sein gutes Recht – aber zugleich auch ein Armutszeugnis, dies mit „Vertraulichkeit“ zu begründen. Vielleicht war seine Wortwahl ja doch etwas zu hart und eine Veröffentlichung würde seiner Amtszeit den endgültigen Todesstoß versetzten – wir wissen es nicht – vorerst zumindest. Denn mich würde es nicht wundern, wenn in wenigen Tagen ein Tonmitschnitt auf ominöse Weise in den Weiten des Internets auftauchen würde.

… und Vorbilder

Was wir aus den letzten 24 Stunden mitnehmen? Dass wir aller Voraussicht nach mit Wulff weiterhin auskommen müssen – wahrscheinlich bis zum Summer 2015, dem Zeitpunkt der Zusammenkunft der nächsten Bundesversammlung. Denn solange er nicht zurücktritt, solange wird er auch weiterhin im Schloss Bellevue residieren. Theoretisch könnte man ihn zwar des Amtes entheben lassen. Doch dafür sind, abgesehen von den hohen verfassungsrechtlichen Hürden, seine Fehlschläge wohl nicht gravierend genug. Einzig ein Erkenntnisgewinn bleibt: Mist bauen ist in Ordnung, sofern man sich dafür auch entschuldigt. Das mag bis zu einem gewissen Grad vertretbar sein. Doch Wulff hat, um in seinem Duktus zu sprechen, „den Rubikon überschritten“. Er reiht sich damit in jene Garde Politiker ein, die in ihrer Vorbildfunktion vollständig versagt haben.

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Dieser Beitrag wurde verfasst von , abgelegt unter Standpunkt, , , und am Donnerstag, 5. Januar 2012, um 18:44 Uhr, veröffentlicht. Über den RSS-Kommentar-Feed kannst Du über eingehende Kommentare auf dem Laufenden gehalten werden. Du kannst auch selbst einen Kommentar hinterlassen, den Artikel per E-Mail versenden sowie den Beitrag mit anderen Nutzern bei Twitter, Identi.ca, Facebook, Google+, XING oder in weiteren Netzwerken teilen.